Völklinger Hütte – ein verlassener Industriestandort

Wissen Sie, wie Stahl gewonnen wird? Das Eisenwerk Völklinger Hütte hat über 100 Jahre lang Roheisen produziert, bevor es 1986 die Tore schließen musste. Heute kann man die alte Hütte besichtigen. Ich finde verlassene Gebäude wahnsinnig interessant. Alte, baufällige Bauwerke, die langsam von der Natur zurückerobert werden, haben doch irgendwie einen ganz besonderen Charme. Zerfallender Stein, zerbrochene Fenster und rostiges Eisen strahlen eine trostlose und melancholische Schönheit aus.

Nachdem ich auf einer Social Travel Konferenz gewesen war, hatte ich mich dazu entschlossen, noch ein paar Tage an meinen Urlaub dranzuhängen und ein wenig herumzureisen. Ganz besonders das Bundesland Saarland an der französischen Grenze interessierte mich. Mit dem Zug erreichte ich den Industrieort Völklingen und begann sofort die letzten Überreste des letzten Eisenwerkes aus dem 19. und 20. Jahrhunderts zu erkunden. Die Geschichte dieser riesigen und unübersichtlichen Schmelzanlage ist ziemlich interessant.

Hängende Eisenerz-Tiegel

Verrostete Elektro-Platine

Völklinger Hütte

Im Jahre 1873 war das Werk eigentlich für die Stahlherstellung gebaut worden, wurde dann aber bereits nach kurzer Zeit in eine Schmelzanlage verwandelt, die flüssiges Roheisen herstellte. Roheisen ist der Hauptbestandteil von Stahl. Über 100 Jahre lang wurde auf der Völklinger Hütte Flüssigeisen produziert, das dann auf Schienenwegen zu den Stahlhütten transportiert wurde und dort zu Stahlbalken weiterverarbeitet wurde. Es handelte sich um den größten Stahllieferanten Deutschlands.

Während des zweiten Weltkrieges war die Völklinger Hütte eine der wenigen Fabriken in Deutschland, die nicht bombardiert wurden – kaum zu glauben, da sich doch um die größte und produktivste handelte. Es hat daher im Laufe der Jahre viele verschiedene Verschwörungstheorien gegeben – Fabrikbesitzer Carl Röchling war zufälligerweise Freimaurer, genau wie US Präsident Roosevelt.

Die Natur erobert die Fabrik zurück

Im Hintergrund sind mittlerweile auch die Schlackehalden grün

Wie entsteht Stahl?

Stahl ist eine Metalllegierung, die aus der Verbindung von Eisen und Kohle entsteht. Zuviel Kohle ist schlecht für den Stahl, zu wenig allerdings auch.  Gefördertes, rohes Eisenerz ist der Hauptbestandteil von Stahl, allerdings muss dieses zunächst verdichtet werden. In den Hochöfen der Völklinger Hütte wurde Roherz in Roheisen verwandelt, indem es stark erhitzt wurde und Kalkstein und Koks hinzugeführt wurden, um den Sauerstoff- und Schwefelanteil zu reduzieren. Die ganzen Abfallprodukte fließen als Schlacke oben aus den Öfen. Das pure Flüssigeisen wird danach aus den Öfen abgelassen und in bestimmte Schienenwagen geladen, die es danach zu den Stahlhütten transportieren. Die überflüssige Kohle wird verbrannt, um für die richtige Zusammensetzung zu sorgen. Das heiße Eisen wird danach zu dem Stahl gewalzt, den wir auch heute genauso verwenden.

Riesige gasbetriebene Maschinen pumpen heiße Luft in die Öfen

Porträts von Völklinger-Arbeitern

Unangenehme Arbeitsbedingungen

Das Leben in einer Eisenhütte im 20. Jahrhundert war alles andere als leicht. Die extreme Hitze, knochenharte Arbeit, erstickender Kohlestaub, gefährliche Maschinen und ohrenbetäubender Lärm waren nur einige der unvorstellbaren Bedingungen, denen die Arbeiter täglich ausgesetzt waren. Zu Völklingers Bestzeiten arbeiteten 17 000 Menschen in der Fabrik und ermöglichten, dass 24 Stunden am Tag produziert werden konnte. Das ganze Städtchen Völklingen unterstützte die Eisenhütte und ihre Arbeiter. Ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Hütte betrifft die Zwangsarbeiter, die während des zweiten Weltkrieges Stahl für Hitlers Armeen liefern mussten.

Hier floss das geschmolzene Eisen heraus

UNESCO-Weltkulturerbe

Im Jahr 1994 ist die Völklinger Hütte zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden, worauf Sicherheitsmaßnahmen am Gebäude und Standortführungen durchgesetzt wurden. Heute kann jeder die rostenden Maschinen, alten gasbetriebenen Motoren, riesige Hochöfen und 40 Meter hohe Arbeitsbühnen erkunden. Es war wirklich faszinierend, in das goldene Zeitalter der Stahlproduktion einzutauchen – meines Erachtens eines der wichtigsten Materialien in der Geschichte der Menschheit.

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